Das reiche schriftstellerische Werk, das Christoph Martin
Wieland seit etwa 1750 und bis zu seinem Tod im Jahre 1813 verfasst hat,
machte ihn zu einem der meistgelesenen und geschätztesten Autoren seiner
Zeit. Geboren in einem Pfarrhaus in Oberholzheim, verlebte er seine ersten
Jugendjahre in der schwäbischen Reichsstadt Biberach an der Riß,
besuchte daraufhin die Internatsschule Kloster Berge bei Magdeburg und reiste
im Alter
von fünfzehn Jahren nach Erfurt, um dort Philosophie zu studieren. Der
Versuch, ein Studium der Jurisprudenz an der Universität Tübingen
zu absolvieren, scheiterte an der tiefen Abneigung, die Wieland gegen den
Universitätsbetrieb und das Lehrangebot fasste.
Als außerordentlich begabter und belesener Jüngling, der schon
bald begann, sich systematisch eigenen literarischen Arbeiten zu widmen,
empfahl sich Wieland zu Beginn der 1750er Jahre dem Zürcher Gelehrten
Johann Jakob Bodmer, der zugleich das Haupt der sogenannten „Schweizer
Dichterschule“ war. Während seines Aufenthalts bei Bodmer von
Oktober 1752 bis Sommer 1754 verfasste Wieland eine Reihe von christlich-moralischen
Versdichtungen in Hexametern. So schrieb er in dieser Zeit für Bodmer
eine Auftragsarbeit, in der er die biblische Geschichte von Abraham und seinem
Sohn Isaak in 246 Versen erzählte.
In Zürich kam Wielands enorme literarische Produktivität in Gang,
die bis zum Tod des Dichters im Jahre 1813 in Weimar niemals mehr abreißen
sollte. Wirkliche Berühmtheit und Popularität erlangte Wieland
jedoch erst, als er nach seinem Aufenthalt in Bern, wo er zeitweilig als
Hauslehrer tätig gewesen war, wieder in seine Heimatstadt Biberach zurückgekehrt
war. In seiner Biberacher Zeit von 1760 bis 1769 blieb Wieland neben dem
politischen Amt als Senator und Kanzleiverwalter genug Muße, um erste,
bedeutende Werke zu verfassen: Übersetzungen von Dramen William Shakespeares,
den satirischen Roman „Der Sieg der Natur über die
Schwärmerey oder die Abentheuer des Don Silvio von Rosalva“, die „Comischen
Erzählungen“, die beiden Bände des ersten
deutschen Bildungsromans „Geschichte des Agathon“ und die beiden
Versepen „Idris
und Zenide“ sowie „Musarion oder die Philosophie der Grazien“.
Johann Wolfgang von Goethe äußerte sich im Alter mit Anerkennung über
Wielands literarischen Leistungen: „Wielanden verdankt das ganze obere
Deutschland seinen Stil“ – einen Stil und Wortschatz, die großen
Einfluss auf seine Zeitgenossen ausübten und in der Literatur bis heute
fortleben.
Als Wieland im
März 1769 als Professor der Philosophie an die Universität Erfurt
berufen und zum Kurmainzischen Regierungsrat ernannt wurde, gelang es ihm
schon bald, mit dem Weimarer Hof in Kontakt zu treten. Die Weimarer Regentin
Anna Amalia
war nach der Lektüre von Wielands Roman „Der goldne Spiegel“ (1772)
bestrebt, den mittlerweile berühmtesten Autor Deutschlands als Erzieher
für ihren Sohn Carl August zu gewinnen. Wieland nahm seine Aufgaben
als Lehrer der beiden Söhne von Anna Amalia bis 1775 sehr gewissenhaft
wahr, zog sich aber mit Ende dieser Unterrichtstätigkeit
in den Kreis seiner ständig wachsenden Familie zurück: Er und seine
Frau Anna Dorothea hatten insgesamt vierzehn Kinder, von denen neun das Erwachsenenalter
erreichten.
Als Aufklärer und Denker ersten Ranges hat Wieland während seiner
Weimarer Zeit ein umfangreiches literarisches Werk in nahezu allen gängigen
Genres geschrieben; er trat ebenso mit einer kaum überschaubaren Vielzahl
von politischen, philosophischen, kulturgeschichtlichen, philologischen, ästhetischen
und wissenschaftlichen Essays hervor. Seine Übersetzungen aus dem Griechischen
(Lukian) und Lateinischen (Cicero, Horaz) haben auch heute nichts von ihrer
Frische verloren. Wielands Werke wurden ihrerseits in nahezu alle Weltsprachen übersetzt
und von bedeutenden Künstlern
und Komponisten adaptiert.
Am Mittwoch, dem 20. Januar 1813 starb Wieland gegen Mitternacht. Sein Leichnam
wurde im Garten seines Anwesens in Oßmannstedt – eines alten
Rittergutes an der Ilm, wo er von 1797 bis 1803 gelebt hatte – an der
Seite seiner Frau bestattet.
Titelblatt
von „Shakespeare Theatralische Werke”, übersetzt von C. M. Wieland